INTERVIEW geführt am 9. 11. 2001 in Bourg-en-Bresse

Übersetzung vom Französischen ins Deutsche von Barbara Stolz. GEIL!GEIL!GEIL!

C: Feaver, war es nicht ziemlich schwer, die Songs von Pepijn (Ex-Schlagzeuger) zu lernen?
Feaver (Schlagzeug): Doch, anfangs schon. Aber als ich es dann raushatte, waren die meisten Stücke kein Problem mehr. Ein paar sind ganz schön schwer, aber der Rest ist okay. Ich weiss nicht, was die anderen davon halten, aber ich glaube, es ist okay.

C: Also, was haltet ihr anderen von Feaver?
Alle lachen, Aziz zeigt auf Feaver: FUCK HIM!
Jean (Gitarre): Sowas ist immer schwierig, denn Pepijn hatte ein ganz eigenes Feeling. Das ist bei jedem unterschiedlich, aber ich glaube nicht, dass man das den Liedern sehr anmerkt. Man erkennt immer noch NRA!
(lacht)
Aziz (Sänger): Wir haben 10 Jahre mit Pepijn zusammen gespielt.
Jetzt ist viel Lärm und Aziz erzählt was über Pepijns Weggang und seine Anfänge bei NRA. Ich würde sagen, dass Pepijn mit uns vieren wirklich spielen gelernt hat. Er spielte richtig Schlagzeug und hatte einen echt bizarren Stil, den er in ein und derselben Band mit uns seit 10 Jahren entwickelt hatte.

C: NRA haben echt ihren eigenen Sound geschaffen. Jedes Album klingt anders, aber man erkennt immer noch NRA. Wie erklärt ihr euch das?
J: Wir sind keine guten Musiker. Also reflektiert jede Platte das Maximum dessen, was uns in dem Moment gerade möglich ist. Manchmal liegen 2 oder 3 Jahre zwischen dem Erscheinen einer neuen Platte. In der Zeit verändert man sich, hat andere Einflüsse und deshalb sind auch die Songs von Album zu Album verschieden. Ausserdem lernen wir auch von Mal zu Mal ein bisschen besser zu spielen. Aber da wir im Grunde dieselben Personen bleiben, klingen die Stücke immer noch typisch nach NRA.
F: Bei mir ist es genauso. Man kann nicht ewig dasselbe machen. NRA gibt es seit 12 Jahren, da muss man mal was anderes machen, damit es nicht langweilig wird. Man will den Sound verbessern.

C: New Recovery ist "rockiger" als die Vorgänger. War das Absicht oder habt ihr euch später beim Hören der Aufnahmen gedacht: Scheisse, was ist das denn?!
Alle lachen.
A: Ja, ganz genau. "Was ist das denn?!"
F: ( auf frz.) Merde! [=Scheisse]
(lacht)
J:
(legt den Kopf in die Hände und sagt in weinerlichem Ton) Was haben wir da bloss zusammengeschrieben??
A: Ich glaube, New Recovery ist die seltsamste Platte, die wir bisher gemacht haben. Ich erinnere mich, dass die Aufnahmen sehr langwierig und langweilig für die Band waren. Und jeder, vor allem Pepijn, hat gesagt: "Ich weiss nicht, was das werden soll. Ich weiss nicht, was die Songs aussagen." Denn wenn man Songs schreibt, weiss man nie, was später daraus wird, wenn sie fertig sind. Man spielt sie immer wieder und Jean legt wahnsinnig Wert auf solche Sachen: "Das ist wichtig. Das ist wirklich wichtig, dass man das so und so spielt." Alle werden langsam verrückt … im Grunde ist das jetzt immer noch so! (lacht)
J: Ich denke, der Punkt ist, dass die Stücke einfacher geworden sind. Als wir jünger waren, mochten wir schnelle Akkordwechsel; manchmal mehrere in 10 Sekunden. Das hatten wir ziemlich häufig. Jetzt haben wir auch Stellen, die vielleicht eine halbe oder sogar eine Minute dauern. Das klingt dann so: dadada… ("Inward", 10. Titel auf Leaded). Dafür muss man das richtige Feeling haben. Das ist schwer zu spielen, wenn man das vorher nie gemacht hat. Man muss es erst lernen. Das hat bei den Aufnahmen zu New Recovery ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen. Unsere Songs sind immer noch sehr einfach, aber in gewisser Hinsicht doch schwierig zu spielen.
F: Ich finde New Recovery auch seltsam. Jean hat mich angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, bei NRA zu spielen. Ich hab mir die ganze Nacht die alten Platten angehört und zu meinem Kumpel gesagt: "Scheisse, das kann ich nie!" Er hat geantwortet: "Na und, du musst nur sagen, dass du's kannst!" (lacht) Gwynn hat mir dann das New Recovery-Tape gegeben, ich hab's mir angehört und festgestellt, dass das schon eher mein Stil ist. Und nachdem ich mir die Stücke mindestens zehnmal angehört hatte, hab ich mir gesagt: " Mensch, das will ich spielen!" Also das war für mich bis jetzt echt die komischste Platte und ich konnte sogar besser spielen als die anderen.
A: Das einzige, was ich noch dazu sagen will, ist, dass Pepijn immer gegen das war, was wir gemacht haben. Bei den Aufnahmen meinte er jedesmal: "Ich weiss nicht, was das soll!" Er hat verstanden, weshalb es wichtig ist, sich auf die kleinen Sachen zu konzentrieren. Aber, bei der nächsten Platte würde er das nicht nochmal machen. Heute sind wir uns selbst gegenüber alle sehr kritisch. Wir achten auf Kleinigkeiten, ändern manche Stellen. Das alles schien früher in keinem Verhältnis mehr zu stehen, weil wir uns an den blödesten Nebensächlichkeiten hochgezogen haben. Danach hat Pepijn New Recovery gehört und meinte, okay, jetzt sieht er's ein.
J: Wir spielen immer noch mit viel Energie. Ich glaube, das ist einer der Hauptgründe dafür, dass die Leute sagen "das klingt typisch nach NRA". Wenn ich das mit anderen Platten vergleiche, die haben einen super Sound, eine Message usw. , aber sie haben keine Energie. Wir haben sie, auch wenn es manchmal vielleicht nicht danach aussieht. Unsere Platten sind immer sehr energiegeladen, das ist wichtig. Um die Stücke zu lernen, müssen wir sie sehr oft spielen, und dann trotzdem die Energie zu bewahren, das ist schon schwierig. Aber eine typische NRA-Platte ist immer sehr energiegeladen.

C: Ihr habt gesagt, bei New Recovery wüsstet ihr nicht, wie sich die Songs entwickeln. Ich dachte, nach so vielen Jahren schreibt ihr die Stücke schon fast instinktiv?
J: Ja, das haben wir schon immer mehr oder weniger instinktiv gemacht. Aber in dem Moment, wo du das Lied schreibst, ist es schwer zu beurteilen. Manchmal finde ich einen Song nicht besonders toll, wenn ich ihn schreibe, aber im Studio denke ich dann: "Hey, das ist mein Lieblingslied!" Manchmal ist es aber auch andersrum. Ich finde ein Stück besonders gelungen, und die anderen sagen dann: "Ja, es ist nicht schlecht, aber so richtig gut ist es auch nicht." Wir kennen uns mit Musik nicht wirklich gut aus, also müssen wir unserer Intuition folgen. Und deine eigene Intuition ist sehr schwer zu beurteilen, wenn du dich mit Musik nicht gross auskennst. Auf New Recovery gibt es Titel, die sind Jahre vier Jahre alt. Ich hatte sie erstmal beiseite gelegt, weil sie mir nicht mehr gefallen haben. Aber irgendwie hatte ich sie doch immer noch im Kopf. Vor zwei oder drei Jahren hab ich sie mir dann nochmal angehört, und es waren wirklich gute Songs. Wir hatten sie einfach vergessen. Wie gesagt, das ist echt schwer zu beurteilen.
F: Manchmal ist es auch so, dass ich Stücke gradezu brilliant finde, wenn wir sie aufnehmen. Aber spiele ich sie dann anderen Leuten vor, finden die genau das Gegenteil. Das ist schon komisch…

C: Eure Texte haben keine richtige Message. Aziz, du sagst, es sei blödsinnig, in den Texten eine Botschaft vermitteln zu wollen…
A: Genauso ist es. Jeder nimmt die Texte anders auf. Ich will jedenfalls nie wissen, worum es in den Texten der Band, die ich gerade höre, wirklich geht. Das ist viel zu persönlich. Ich liebe es, dabei mitzusingen. Einfach, weil es so geil klingt. Find ich toll. Manchmal kommen Leute zu mir und sagen: "Du singst nicht!" Das ist echt ziemlich enttäuschend. Sie brauchen mir das doch nicht sagen, ich will es gar nicht wissen. Ich finde Texte schon sehr wichtig, aber die Art, wie man sie rüberbringt, ist noch wichtiger. Für mich sind Texte vor allem zum Singen da. Es kommt auch vor, dass ich die Texte von anderen Leuten singe, wie beispielsweise bei Liedern von älteren Alben, denn ich habe nicht alle Texte geschrieben. Jean hat auch welche verfasst. Aber man muss Texte auch glaubhaft rüberbringen, wenn es nicht die eigenen Texte. Wenn man das nicht hinkriegt, wird es schwierig. Ich glaube, die meisten Sänger wollen ihre Texte selbst schreiben. Sie haben etwas enorm Wichtiges zu sagen oder gottweisswas…
J: Bei den meisten Titeln auf Leaded ist es so, dass die Wörter der Texte im Grunde nur die Basis liefern, damit ein Stück gut klingt. Aber gewisse Texte sollen auch wirklich was aussagen. Allerdings sind bei Leaded die meisten eben doch dazu da, dass sich ein Lied gut anhört. "Bunk" z. B. ist der deutliche Beweis dafür. Also wenn mir da jemand sagen könnte, worum es darin geht…?

C: Es ist wirklich schwer, in euren Texten eine Botschaft zu finden…
J: Ja, aber das ist auch nicht so wichtig. Okay, für manche vielleicht schon, aber es ist doch viel wichtiger, dass sich das auch gut anhört. Danach kann man da immer noch eine Geschichte oder so reinpacken. Aber das Wichtigste ist, dass es gut klingt.
A: Stimmt. Und genau so singe ich auch. Einfach sowas wie: "Whaouh!" Das setzt Energie und Stärke frei. Nur, damit es gut klingt. Dann kann man immer noch einen Sinn oder so in den Texten entdecken. Um so besser.

C: Habt Ihr das Hüsker Dü-Cover "In a free land" also gemacht, weil es sich gut anhört oder wegen der Message?
A: Ich weiss nicht mehr…
G: Wir wurden gefragt, ob wir bei einer Platte mitmachen wollen (Hüsker Dü-Covers auf Snoop Records) und dafür haben wir das gecovert. Nachher hat es sich so gut angehört, dass wir es aufgenommen haben. Meistens spielen wir keine Coverversionen. Naja, und wenn, dann ist das schon sehr lange her…

C: Ich habe gehört, dass es auf eurem nächsten Album Coverversionen von X und The Saints geben soll?
A: Ich weiss nicht, ob sie auf dem nächsten Album sein werden. Ich glaube nicht.
J: Nein. Es ist schön, sie live zu spielen, aber aufnehmen muss man das nicht unbedingt.

C: Macht ihr das, damit die Leute diese Bands wiederentdecken?
A: Vielleicht machen wir mal ein Live-Album, wo wir am Ende diese Stücke mit draufpacken, um zu erreichen, dass sich mehr Leute für diese Musik interessieren.
F: Ausserdem sind wir sie nie so gut wie die Originale.
A: Stimmt leider.
F: Das ist Punk für dich selbst! Wer will sich das schon anhören?
(lacht)
A: Das wär vielleicht ganz gut…

C: Glaubt ihr, dass ihr "Sex sells" auch geschrieben hättet, wenn ihr nicht in Amsterdam leben würdet?
A: Dieses Lied hat absolut keinen Sinn.
F: Doch, für mich schon.
A: Ich muss gestehen, ich weiss auch nicht wie es dazu gekommen ist. Meistens schlage ich die Texte vor, doch ich war eine Woche im Urlaub…
J: Und danach haben wir die Platte aufgenommen!
(lacht)
A: Sie hatten das Stück also tatsächlich schon aufgenommen. Und als ich aus dem Urlaub wiederkam, bin ich vom Bahnhof direkt ins Studio und habe auf dem Weg dahin den Text zu "Sex sells" geschrieben. Im Studio angekommen, habe ich es gesungen und abgemischt. Aber der Refrain hat absolut gar nichts mit Amsterdam zu tun!
(lacht sich tot)
F: Wegen diesem Lied ist es meine Lieblingsband geworden! Wir sollten nochmal so eins machen!
(lacht)
A: Das ist fast wie bei Agent Orange mit "Bloodstains". Sie haben das Lied auf dem Weg ins Studio geschrieben, sofort aufgenommen, und es ist eins ihrer besten Stücke geworden. Das ist überhaupt einer der besten Songs, die je geschrieben wurden. Verblüffend.

C: Was ist mit euren Rechten an Leaded?
J: Die Situation ist nicht ganz klar. Virgin hat zwar nicht die Rechte daran, aber sie haben das Studio bezahlt. Das macht es kompliziert. Aber rechtlich gesehen, besitzen wir immer noch die Rechte, weil wir sie niemandem anders übertragen haben. Wir haben nie irgendwas unterschrieben.

C: Ich hab heute den neuen SUGAR&SPICE bekommen und Leaded ist nicht mehr als CD erhältlich.
A: Nein, sie haben sie vor zwei Jahren rausgenommen, am 1. Januar 2000. Aber dir Rechte daran haben sie uns bis jetzt nicht zurückgegeben. Wir aben sie gefragt, aber die Antwort war, dass sie das Album behalten würden. Ich glaube, ich muss da mal persönlich hingehen und dem Manager ein paar Takte erzählen. Ich weiss nicht, was ich sonst machen soll. Ich kann sie nicht gerichtlich verfolgen lassen, das ist Quatsch. Aber die Platte einer Band unter Verschluss zu halten, ist eigentlich das Gegenteil von dem, was eine Plattenfirma machen sollte. Das ist zu lächerlich!
J: Viele Majors machen das so. Sie nehmen das Album erstmal aus dem Sortiment und warten ab, bis die Band eine Platte rausbringt, die sich millionenfach verkauft. Und dann holen sie die alten Aufnahmen wieder raus, nur um Kohle zu machen. Wir haben an Leaded bis jetzt nichts verdient.

C: Ihr hofft immer noch, sie auf Dialektik rauszubringen?
A: Wenn wir die Rechte wiederkriegen, ja.

C: In dem Lied New Recovery singst du: "My days as a punk ain't over yet, the scene that I never was a part of" (meine Tage als Punk sind noch nicht vorbei, der Szene, zu der ich nie gehörte). Was stört dich an der Punk-Szene?
A: Szene, das Wort Szene, bedeutet gar nichts. Das ist Unsinn. Früher oder später stirbt jede Szene. Denn es handelt sich dabei immer nur um eine kleine Gruppe von Leuten, die vorgeben, dieselben Ansichten und Ideale zu teilen. Und nur diese Leute behaupten, es gäbe eine Szene. Auf jeden Fall ist das Blödsinn. Ich glaube, es hat nie eine Szene gegeben, wenn ich sehe, wieviele der Leute, die damals gegen die Szene waren, und meinten "das sind Punks, sonst nichts" heute immerzu von Szene reden. Szene hier, Szene da. Deswegen halte ich all diese Leute, die nur von Szene reden, für Idioten. Deshalb singe ich auch: „ Who's your new mesiah? Who do you gonna look up to now? Who do you gonna scapegoat?" (Wer ist euer neuer Messias? Wen betet ihr jetzt an? Wen macht ihr jetzt zum Sündenbock?)
F: Ich glaube, Aziz ist sehr „sane/scene". (engl. Wortspiel zwischen "sane" und "scene") (lacht)
A: Das musste ich einfach mal loswerden.

C: Also ist der Neuanfang (new recovery auf engl.) gut verlaufen?
A: Richtig. Das war etwas, was ich wirklich loswerden wollte. Normalerweise ist das bei mir mit den Texten nicht so, wie ich eben schon erklärt habe. Aber manche Sachen müssen einfach mal gesagt werden. Dieses Stück ist sehr wichtig für mich.

C: Ihr habt Jay Robbins von Burning Airlines gefragt, ob er New Recovery produzieren würde. Wieso ist es nicht dazu gekommen?
J: Er hat an einer anderen Platte gearbeitet.
G: Ja, an der von Discount.
J: Nicht dass er keine Zeit gehabt hätte, die Platte zu produzieren und abzumischen, aber nachdem er Leaded gehört hatte, meinte er wohl, wir bräuchten ihn nicht mehr.

C: Ich glaube, er mag New Recovery…
J: Er mag New Recovery sehr. Leaded mochte er nicht so, aber New Recovery findet er klasse. Als ich das letzte Mal mit ihm gesprochen habe, meinte er, er hofft, dass wir an der neuen Platte vielleicht zusammen arbeiten könnten. Jedenfalls mag er New Recovery. Geil!
(lacht)

C: Ich habe gestern mit einem Gitarristen von Oil gesprochen und der meinte, NRA seien so eine Art Urväter der holländischen Punkszene. Seht ihr das auch so? (alle lachen)
J: Der spinnt.
(lacht)
A: Ich glaube, das liegt eher daran, dass NRA eins ihrer ersten Punkkonzerte in Holland überhaupt waren.
C: Genau das hat er auch gesagt…
A: Ja, die meisten Leute bei Oil sind jünger als wir. Sie haben uns erzählt, dass es eins ihrer ersten Punkkonzerte war. Wenn man drüber nachdenkt, gab es vielleicht noch The Crivits, aber so ganz am Anfang gab es einfach noch keinen melodic punk. Mehr so straight-edge-Sachen. Kein Mensch hat damals melodic punk gemacht. Wenn es überhaupt eine Band gab, die sowas gespielt hat, dann waren das für gewöhnlich wir…
J: Green Day…
A: Lauter solche Bands wie Vegan, NOFX…
J: … und es gab bestimmt eine Szene, zu der wir nie gehörten. Die melodic-punk-Szene oder so… Ich glaube, das kommt auch daher, dass wir versuchen, neue Bands, die wir gut finden, soweit wie möglich zu unterstützen. Das macht uns ihnen sympathisch. Aber es gibt auch Typen, die eine Band gründen, weil sie glauben, dass wir reich sind, weil wir viele Platten verkaufen.
F: Dass wir keinen Bock haben, arbeiten zu gehen.
J: Aber die Dinge sind komplizierter als solche Leute glauben. Die wissen absolut nicht, wovon sie reden.
A: Das Beste, was ich je gehört habe, war, dass der Sänger von NRA einen Plattenladen eröffnet hat, weil er mit seiner Band keinen Erfolg hatte. Er hat es nie geschhafft, Geld zu verdienen, indem er Punkrock spielt; also verdient er jetzt Geld, indem er Punkrock verkauft. Unglaublich. Wie bescheuert die Leute sind…
J: Ich will nochwas zu Oil sagen. Wir mögen sie sehr und versuchen deshalb, ihnen so viele Auftritte wie möglich zu verschaffen. Wir hoffen, dass wir Oil mit auf Europa-Tournee nehmen können, wenn ihr neues Album rauskommt, das ich abgemischt habe. Wenn man eine Band mag, denselben Musikgeschmack hat, ist es scheissegal, ob man viel Geld verdient oder nicht; man muss sich gegenseitig helfen. Sie machen das nicht wegen der Kohle, sie wollen einfach spielen.
A: Wie Burning Heads…

Auf einmal reden wir über Dive und über eine schlechte Übersetzung in Rock Sound, und auch von Opposite
A: "Handcuffed like a criminal", an mehr Text kann ich mich nicht erinnern.
F: Ich mag es nicht so sehr, wenn Punks Reggae spielen. Ich mag black music, aber die ist einfach besser, wenn sie auch von denen gespielt wird, die das entsprechende Feeling haben. Aber die hier sind auch ganz glaubwürdig und ich mag die meisten Texte der Reggae-Stücke. Und was Burning Heads machen ist auch gar nicht so übel. Guter Reggae für Punks.

C: Aziz, kannst du uns was zu deinem Label sagen?
A: Auf Records Witch sind bisher nur ein paar Sachen erschienen, die ich mit Freunden gemacht habe. Als ich mit dem Laden angefangen habe, hatte ich so immerhin was zu verkaufen. Dank der Platten konnte ich den Laden eröffnen, und dadurch habe ich dann das Geld wieder reinbekommen, was ich in den ersten Jahren in das Label investiert habe. Inzwischen haben wir von Seein' Red oder Human Alert Platten rausgebracht, aber am Anfang wollten wir erstmal den Laden hochbringen. Ich will kein grösseres Label.

C: Jean, erzähl mal was von Copymaster, deinem Soloprojekt.
J: Das ist kein richtiges Soloprojekt. Das sind nur alte Songs, die ich zu Hause geschrieben und dann aufgenommen habe. Ich hatte sie aufgenommen, um sie mir anzuhören, und plötzlich waren da diese Typen aus Rotterdam, die ein Label haben und uns sehr gut kennen, und sie haben mich gefragt, sie hätten von Songs gehört, die ich…
A: Sie haben davon gehört, weil sie bei mir waren. Ich war besoffen und mitten in der Nacht meinte Jean zu mir: "Hör dir das an!" und ich hab die Songs laufen lassen, die Jean geschrieben hat…
J: Wir haben beschlossen, eine 7" zu machen, und daraufhin hab ich angefangen, diese Stücke live zu spielen. Ich hab ein paar Konzerte gespielt, aber es ist kein richtiges Projekt, weil ich es nicht so ernst nehme. Ich will keine weiteren Platten rausbringen, aber ich habe wenigstens einen Künstlernamen. Ich glaube, ich werde die Aufnahmen alle ins Netz stellen, damit sich die Leute das anhören können, wenn sie wollen. Ich habe ohnehin nur 3 Fans oder so…
Aziz lacht sich kaputt
A: Drei Typen, die nix besseres zu tun haben!
(lacht)

C: Glaubt ihr, dass man die Punkszene in Holland und Frankreich vergleichen kann?
F: Nein, das kannst du in keinem Land.
J: Ich glaube nichtmal, dass es in Holland eine Punkszene gibt. Vielleicht gibt es sowas ähnliches. Aber wir haben absolut keine Verbindung zu den Bands, die in Holland als Punk bezeichnet werden. Wir spielen nicht mit ihnen, da wir auch nicht viel von ihnen halten. Wir interessieren uns nicht für das, was sie machen und sie interessieren sich nicht für das, was wir machen. Es gibt nichts, was man eine Szene nennen könnte. In Frankreich kennen wir viele Leute aus der Szene, z. B. in Rennes Mass Murderers und Tagada Jones. Mit Burning Heads ist das schon wieder anders. Wir kennen viele Leute, aber wir haben nicht den Eindruck, dass eine grosse Szene existiert. Die Leute machen alle ihr eigenes Ding.
F: In Madrid und Barcelona beispielsweise hören die Leute ganz andere Musik. In jedem Teil Europas hat man einen eigenen Geschmack und in dieser Gegend sagenen die Leute eben: "Ich mag das hier mehr, das gefällt mir besser als das, was von woanders kommt." Deshalb glaube ich nicht, dass man von Szenen sprechen kann, nichtmal von einer Szene. Und in meiner Stadt (Rotterdam) schon gleich gar nicht. 80% sind Poser und der rest spielt in bands. also wirklich nichts, auf das man stolz sein könnte.
(lacht) Ich nehme an, das ist überall ähnlich.
J: Es gibt heute viele Bands, die vor 4 Jahren in der Punkszene waren, nur weil Punk populär war, und jetzt spielen sie halt was anderes…
F: Das ist wie mit den Leuten, die Bands gründen, weil sie denken, dass sie damit Kohle machen können. Genauso haben NRA angefangen! (lacht) Aber, ich meine, diese Typen nehmen das ernst. Die glauben wirklich, reich zu werden, Tucken abzuschleppen…
Jean, Feaver und Gwynn gehen
A: Ich glaube, Gwynn hat 1981 oder 1982 angefangen, in Punkbands zu spielen. Damals muss er 15 oder 16 gewesen sein. seitdem hat er ununterbrochen in irgendwelchen Bands gespielt. Ich glaube, er hat in einer ziemlich schnellen Hardcoreband gespielt. So wie die, die heutzutage wieder gefragt sind. Diese Leute glauben, dass das jetzt erst erfunden wurde, aber das gibts schon seit Anfang der 80er. (Ihr müsst euch nur mal "Landspeed Record" von Hüsker Dü anhören, dann wisst ihr Bescheid über die Anfänge des Hardcore zu Beginn der 80er.) Zum Beispiel eine Band namens Lärm, die aus derselben Stadt kommt wie Gwynn.

C: Stimmst du Feaver zu, der behauptet hat, Punk sei nicht mehr gefährlich?
A: Ich denke dass es ist. Punk ist eine Art Subkultur, aber vor allem eine Gegenkultur. Punk lässt sich nicht definieren. Jeder macht das für sich selbst. "Das und das ist für mich Punk. Das brauch ich, das nicht." Das ist etwas sehr Persönliches. Ich glaube, das ist einer der ganz wenigen Musikstile, bei denen das so ist. Aber Jazz war auch eine Art Punk. Jazz war sehr gefährlich. Es gab fast jede Nacht Schlägereien - wegen der Musik. Das war bei Punk genauso, aber jetzt eben nicht mehr. Ich glaube, Punk war ursprünglich etwas, um die Leute zu schockieren und zum Nachdenken zu bewegen. Und dieses Element hat Punk heute noch.